Eine erstaunliche Geschichte, Warten auf neue Eltern, das Heilige Hebräisch und tote Guppys – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

Das ist wirklich eine erstaunliche Geschichte, die Erik Neutsch da im zweiten der insgesamt fünf aktuellen Sonderangebote dieses Newsletters, die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 24.12. 21 – Freitag, 31.12. 21) zu haben sind, erzählt. Und eine poetische Geschichte dazu – „Vom Gänslein, das nicht fliegen lernen wollte“. Deren Handlung spielt während zweier Sommer und einem Herbst, einem Winter und einem Frühjahr dazwischen in einem Dorf zwischen zwei mächtigen Flüssen, in einer Gegend, die man das Luch nennt. Und wie gesagt, es ist eine wirklich erstaunliche Geschichte.

In „Irrlichter“ berichtet Barbara Kühl von Christian und von einer schwierigen, nicht konfliktfreien Annäherung. Denn Christian hat seine Eltern bei einem Unfall verloren und er soll neue Eltern bekommen.

Auf ungewöhnliche Weise spürt Renate Krüger in ihrem Rembrandt-Roman „Licht auf dunklem Grund“ dem Leben dieses berühmten Malers nach.

Um eine fast glückliche Familie geht es in „Der unerwünschte Dritte“ von Christa Grasmeyer. Wenn da nicht der 10-jährige Peter wäre …

Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Heute geht es wieder einmal um das umkämpfte Kuba. Angesichts schwieriger aktueller Fragen und Einschätzungen der Lage auf der sozialistischen Insel ist es angebracht, sich an vergangene Auseinandersetzungen zu erinnern. Wobei nicht vergessen werden soll, dass seitdem viele Jahrzehnte vergangen sind und neue Antworten auf neue Fragen gefunden werden müssen. Auch auf Kubanisch …

Erstmals 1964 erschien Verlag Das Neue Berlin der Roman „Preludio 11“ von Wolfgang Schreyer. Dem E-Book liegt die überarbeitete Fassung von 1988 aus dem Militärverlag der DDR zugrunde: Preludio 11 ist der Deckname eines Kommandounternehmens zur Vorbereitung der Intervention an der Südküste Kubas Anfang der sechziger Jahre. Eine Gruppe Emigranten, Abenteurer und Feinde der Revolution wird in der Sierra del Mico, einer abgelegenen, gebirgigen Gegend, abgesetzt. Der Trupp soll das Einsatzgebiet aufklären, Informationen sammeln und den Boden für das spätere Eingreifen der Hauptkräfte vorbereiten. Die Feinde haben aber ihre Rechnung ohne die Wachsamkeit und den Kampfesmut einfacher kubanischer Menschen gemacht… Ein spannender Aktionsroman von 1964, dessen Authentizität überzeugend wirkt und den heutigen Leser immer noch anspricht.

Wolfgang Schreyer schrieb auch das Drehbuch zu dem gleichnamigen DEFA-Film (Gemeinschaftsproduktion mit Kuba) von 1964 (Regie: Prof. Kurt Mätzig). Aus der DDR gehörten damals übrigens Günther Simon, Armin Mueller-Stahl und Gerry Wolff zu den Mitwirkenden. Und hier ein Auszug aus dem spannenden Buch. Von Daniela wird später noch mehr zu erfahren sein:

Die Landung

1

Der Wagen schoss ans Tageslicht, in einem fauchenden Schwarm gepressten Blechs und zischender Reifen, die unterm Meeresgrund dahingerast waren. Daniela sank gegen das Seitenpolster, war augenblicklich wach. Sie dachte sofort an ihr Kind. Wie hatte sie sich auf Habana gefreut, nach diesem Vierteljahr in der Wildnis – und nun die Ankunft verschlafen! Die Fahrt hatte länger gedauert als sonst, in Sancti Spiritus war der Comandante aufgehalten worden, danach waren sie in Dunst geraten; längs der Südküste stieg er aus dem Meer, was ziemlich selten vorkam. Nebel in den Talsenken und blasser Sonnenschein auf den Hügeln; englisches Wetter, hatte Ramón gesagt, der Europa kannte. Zuletzt auf der Via Bianca musste sie dann eingeschlafen sein, und der Fahrtwind hatte von ihrer Frisur nichts übrig gelassen.

Die Stadt brach über sie herein – grell, schmetternd, auch von oben, denn sie fuhren offen. Und als Daniela nun den Kamm durchs Haar zog, duckte sie sich vor der Wucht dieses Anpralls. Asphalt, Marmor und Bronze, elegante Fassaden, weiße Säulen unter leuchtendem Himmel, die Kuppel des Capitols, ein tutender Ozeandampfer, die Morro-Silhouette, das altersbleiche Gemäuer des Punta-Kastells, der Limonadenverkäufer am Studentendenkmal von 1871, das Plakat Combate al Imperialismo, spanische Kanonen, Parkbäume und Stanniolflitter, Sonnenreflexe in Schaufenstern, die Bacardi-Reklame, Fetzen einer Jahrmarktsmusik und die flanierende Menge, das Glitzern des Meeres vor fernem wolkenhohem Stahlbeton. All das bildete einen rauschhaften Wirbel, während der Cadillac die kreisrunde Tunnelrampe hoch kurvte, durch den Strom bunten Lacks und gewölbten Glases schwamm, um am Präsidentenpalast in die Avenida de Belgica einzubiegen.

Es war ein signalrotes, auffälliges Fahrzeug; noch vor vier Monaten hatte es der Standard Oil gehört. Ramón chauffierte rücksichtsvoll, eben ließ er ein apfelsinenfarbenes Taxi durch, doch Daniela spürte, dass man ihnen nachsah. Es war zu prunkvoll für Habana, wenn zwei Männer und ein Mädchen in Uniform darin saßen. Draußen in den Bergen von Esperanza bis zum kleinsten Küstendorf kannte jeder Carlos Palomino und gönnte ihm den Spaß, man wusste ja, was für ein Kerl er war; aber hier? Der Wagen hatte acht Scheinwerfer, das war einfach zuviel, und schwarze Lederpolster, und zwischen seinen deltaförmigen Heckflossen, an der krummen Funkantenne, flatterte ein Wimpel. Wenn Ramón den Chromring berührte, erscholl ein Fanfarenstoß, dem acht oder neun Akkorde folgten – eine ganze Melodie. Anderswo, hatte er ihr versichert, hielt die Polizei jedes Auto an, das einen Choral blies, anstatt zu hupen. Doch man war in Cuba, wo es nur tote Polizisten gab, quadratische Löcher im Chausseeasphalt, die an gewissen Punkten zum Langsamfahren zwangen.

Comandante Palomino öffnete einen Hemdknopf und zog seinen Bart heraus; er pflegte ihn auf diese Weise zu befestigen, damit er ihm nicht ins Gesicht wehte. Dabei drehte er sich zu ihr um und sagte: „Zuerst setzen wir dich bei deinem Roberto ab!“ Daniela nickte, sie lächelte dankbar. Er dachte an alles, er war so energisch, so erfahren, ein wirklicher Mann. Von Anfang an hatte sie ihn bewundert. Manches an ihm mochte komisch oder rührend sein, dennoch hatte er das, was man Persönlichkeit nannte – was die Leute mochten. Er konnte nicht reden wie Fidel, und doch sprach er zu den Herzen, durch seine Art, unbeschwert zuzupacken. Mit seinen vierzig Jahren war er einer der ältesten Armeeoffiziere. Wenn sie bedachte, was er für die Revolution getan hatte und tat, kam es ihr kleinlich vor, ihn wegen des Cadillacs zu tadeln. Ramón ging in dem Punkt zu weit, er urteilte überhaupt zu streng, er grübelte so viel und nahm alles schwer. Vielleicht aber brauchten sie sich beide so, wie sie waren, Carlos und sein Adjutant

Jetzt rollten sie durch die O’Reilly, wo es hauptsächlich Bücher zu kaufen gab, mehr alte als neue. Die Fassaden rückten eng zusammen, der hell getünchte Putz warf noch die Mittagsglut zurück. Von den lackierten Balkongittern ragten Geschäftsreklamen an Stangen quer über die Straßenschlucht. Daniela atmete tief. Ach, diese tiefen Schatten, der Lärm und der üble, vertraute Geruch! Ramón hob die Linke, um anzuzeigen, dass er abbiegen wollte. Nun schlich er hinter einem Obstkarren her, den ein Neger schob. Sie spürte ihr Herz klopfen. Hier bedeutete jeder Fleck ein Stück ihres Lebens. In dieser Bodega hatte sie mit Aurelio Orangensaft getrunken, und er hatte sich ihr erklärt, fünf Tage bevor sie ihn niederknallten… Er war auf einem Bordstein in Vedado gestorben, mit zerfetzter Lunge, wissend, dass sie seine Liebe nicht erwidern konnte.

„Hier“, sagte sie. Ramón stoppte. Hinter ihnen kreischten Omnibusbremsen. – „Um neun vorm Hotel“, rief ihr Palomino zu, während sie ausstieg. „Grüß die Mutter und gib Roberto ’nen Kuss von mir!“ Sie sah Ramóns ernstes Profil, er lächelte, aber er sagte nichts; sie winkte mit den Fingerspitzen und wandte sich um. Es war eine unmögliche Szene, hinter dem knallroten Cadillac hatte sich schon eine Kette hupender Autos gestaut, jeder kannte sie hier, die Gesichter der Nachbarn über Balkongittern und Jalousien…

Endlich das schmale, steile Treppenhaus, das Namensschild, die Klingel. Unten brüllte der Bus auf, es war, als ob die Wände bersten müssten.“ Und damit zu den ausführlicheren Vorstellungen der anderen vier Sonderangebote dieses Newsletters.

1995 veröffentlichte Erik Neutsch bei Faber & Faber Leipzig „Vom Gänslein, das nicht fliegen lernen wollte“: Die Handlung dieser kleinen poetischen Geschichte spielt während zweier Sommer und einem Herbst, einem Winter und einem Frühjahr dazwischen in einem Dorf zwischen zwei mächtigen Flüssen, in einer Gegend, die man das Luch nennt. Und auch ein See liegt in der Nähe. Und dort passierte vor einiger Zeit etwas Ungewöhnliches: Eines von acht Kindern eines Gänseelternpaares, das Frühling für Frühling aus dem fernen Afrika wieder ins Luch heimkehrte und ein Nest am Schilfufer des Sees baute, wollte partout nicht fliegen lernen und erfand allerhand Ausflüchte. Schließlich führte „Gussi“, das Graugänsemädchen, am sommerlichen See ein schönes Leben. Und ihr schien es zu reichen, laufen und schwimmen zu können.

Dann aber kam der Herbst, und es wurde Zeit für die Wildgänse, wieder nach Afrika zu fliegen. Aber als sich ihre Eltern und ihre Brüder auf den weiten Weg machen wollten und „Gussi“ zum Mitfliegen aufforderten, da konnte sie es nicht – weil sie nicht fliegen konnte. Aber was würde mit dem einsamen Graugänsekind geschehen, wenn erst der Winter mit Kälte, Eis und Schnee auch am See Einzug gehalten hat? Würde irgendjemand „Gussi“ helfen können? Würde sie ihre Eltern und ihre Brüder im nächsten Jahr wiedersehen? Hier die ersten drei Kapitel. Aber keine Angst, sie sind recht kurz – zumindest die ersten beiden:

1. Kapitel

Neulich erfuhr ich von meinem Freund Michael eine Geschichte. Sie war so erstaunlich, dass ich sie zuerst gar nicht glauben wollte. Dann aber fragte ich mich, ob ich sie nicht aufschreiben sollte. Damit auch andere sie zu lesen bekommen. Erwachsene, aber vor allem Kinder.

Dieser Michael, muss ich vorausschicken, ist ein Junge mit dunklem, wuschligem Haar und zwei flinken braunen Augen, die hin und her huschen und sich nicht satt sehen können an der Welt. Manchmal aber verhält er sich auch ganz still. Und besonders, wenn er an Gussi denkt, das Graugänsekind, scheinen seine Augen zu träumen. Sein Blick verliert sich in weite Ferne. Ob er dann wohl mit seinen Gedanken im Süden weilt, in Afrika hinter dem großen Meer, wo viele Vögel den Winter verbringen? Die Nachtigallen und Störche, die Schwalben und die Kraniche, Grasmücken und Laubsänger und auch manche Gänse?

Michael wohnt in einem Dorf zwischen zwei mächtigen Flüssen, in einer Gegend, die man das Luch nennt. Auch ein See liegt in der Nähe. Je nach dem, wie der Himmel sich über ihm ausnimmt, färbt sich sein Wasser. Ziehen finstere Wolken auf, zeigt er sich drohend und beinahe schwarz. Weißlich hingegen, fast silbrig glitzert er, wenn sich die Sonne auf seinen Wellen spiegelt. Himmelblau leuchtet er, wenn auch der Himmel blau ist, feurig rot und orange am Abend, sobald ihn die letzten Strahlen der Sonne treffen.

An diesem See, sagte Michael, ist das alles wirklich geschehen. Als er noch klein war, kleiner als jetzt. Und das war vor einem Jahr, nachdem er gerade in die Schule gekommen war.

Doch wie ich sehe, bin ich schon mitten im Erzählen. So will ich denn fortfahren und mit der Geschichte ganz von vorn beginnen …

Kapitel

Es war einmal ein Gänseelternpaar. Frühling für Frühling kehrte es aus dem fernen Afrika wieder heim ins Luch und baute ein Nest am Schilfufer des Sees, der schwarz oder silbrig aussieht, blau oder feurig rot, je nach dem, welche Farbe der Himmel über ihm trägt.

Wie in jedem Jahr, so geschah es auch diesmal. Die Mutter legte täglich ein Ei, bis sie das Nest mit ihnen gefüllt hatte. Acht waren es an der Zahl, und in jedem sollte ein junges Gänslein heranwachsen, ein Gössel. Pausenlos saß sie darauf und brütete, wärmte die Eier mit ihrem Leib. Nur wenn sie Hunger verspürte, verließ sie kurz das Gelege, um sich zu nähren. Ebenso unablässig, aufrecht und stolz, stand der Vater daneben, der Ganter, reckte den langen, hellbraun und grau gefiederten Hals, drehte den Kopf in alle Richtungen des Windes und hielt Wache.

Ein ganzer Monat mochte auf diese Weise vergangen sein. Mit kaltem Regen, Hagelschauern und wütenden Stürmen, doch immer öfter auch mit Sonnenschein. Der zerteilte die Wolken, und die Erde, den See und die Gänseeltern bei ihrem Nest im Rohr begann er mit seinen Strahlen wie mit zärtlichen Händen zu streicheln. Allem hauchte er Leben ein.

Da endlich war es soweit.

„Wiwiwie, wiwiwie“, erscholl unter den Schalen ein Stimmchen nach dem andern, und es klang, als wollte ein jedes sagen: „Ich bin hie, ich bin hie …“

„Gangganggang, gangganggang“ antwortete die Mutter und erhob sich schnatternd vom Gelege, „nun dauert es nicht mehr lang.“

Und auch der Vater rief froh: „Gackgackgaak, gackgackgaak – heut ist ein Freudentag.“

Ein Ei nach dem anderen zerplatzte, wurde von innen her von den Jungen mit ihren Schnäbelchen aufgepickt. Gössel um Gössel schlüpfte, und bald waren es ihrer sieben. In ihren oberseits grünlichgrauen und bäuchlings gelben Daunenkleidchen glichen sie Wattebäuschen. Wispernd drückten sie sich aneinander und verkrochen sich in den Schutz der Mutter.

Das achte und letzte Ei aber brach erst am nächsten Tag auf. „Wiwiwie – ich bin hie!“, ertönte auch daraus ein Stimmenlaut, doch er wirkte noch recht verschlafen, war leise und schloss mit einem herzhaften Gähnen.

„Gangganggang“, entgegnete wieder die Mutter.

„Gackgackgaak“, machte der Vater.

Die sieben Gössel jedoch, sämtlich Brüder, schwiegen plötzlich und schauten nur neugierig zu, wie sich nach und nach aus der schmutzigweißen Schale ein wunderschönes Gänsekind pellte.

Seine Daunen waren von solch einem reinen, leuchtenden Gelb, dass es aussah, als trügen sie die Farben der Sonne. Wahrhaftig, das Gänslein schien über und über in Gold gekleidet. Nur seine Augen, die jetzt zum ersten Mal die Welt erblickten und vor Staunen immer größer wurden, nahmen sich darin aus wie zwei kullerrunde schwarze Perlen.

Die sieben Brüder hatten ein Schwesterchen erhalten. Die glücklichen Eltern nannten es Gussi. Und alle fanden es hübsch und überhäuften es fortan mit besonderer Sorge und Liebe.

Gussi spürte es bald, genoss es und ließ sich verwöhnen.

Kapitel

Bereits am zweiten Tag nach Gussis Geburt führten die Eltern ihre Kinder aus dem Nest, zunächst ins Wasser und dann auf eine an das Seeufer grenzende Weide. Sofort konnten sie schwimmen und laufen.

Die Mutter watschelte voran, bestimmte den Weg und suchte einen Platz, wo es für sie alle den ganzen Sommer über genügend Nahrung geben würde. Ihr folgten die Kinder, Gussi inmitten ihrer Brüder, mit vieren vor und dreien hinter sich. Den Zug beschloss der Vater, der somit die gesamte Familie vor Augen hatte und jedes seiner Gössel auf Schritt und Tritt beobachten konnte.

Es war ein richtiger Gänsemarsch. Und was für ein Geschnatter klang von ihm auf und schwang sich in die Luft. So, als sängen alle gemeinsam ein fröhliches Lied. Doch wehe, wenn einmal jemand aus der Reihe tanzen wollte! Wie soeben Gussi, als sie auf einer gelben Blüte vom Löwenzahn einen bunten Schmetterling entdeckte und übermütig zu ihm hinlief, um sich die blau und rot schillernden Kringelchen auf seinen Flügeln aus der Nähe zu betrachten.

„Gackgaak! Gackgaak!“, hörte sie da die Stimme des Vaters in ihrem Rücken. Er schimpfte und sträubte zornig sein Gefieder.

Die Mutter aber wandte sich daraufhin um und hielt im Weiterschreiten inne. „Ganggang“, sagte sie. „Jaja. Unser Töchterchen hat recht. Der Weg ist noch weit. Wir sollten eine Rast einlegen und uns mit Speisen stärken.“

Im Nu stürzten sich die Brüder auf die saftigen Blätter des Löwenzahns, der die Wiesen hier bewucherte.

Gussi hingegen mied das Gedränge. Sie hatte einen Fleck erspäht, auf dem in Menge appetitlich grüne Halme wuchsen. Davon kostete sie, riss mit ihrem Schnäbelchen die zarten Spitzen ab, und siehe da, sie schmeckten ihr vorzüglich. Von dem Vater erfuhr sie, dass es sich um die Wintersaat des Roggens handelte. Der Wind hatte gewiss ein paar Samenkörner von den nahen Feldern nach hier verweht und sie mit einer Staubschicht überstreut.

Gegen Mittag erreichten sie dann einen Futterplatz, den sie auch künftig immer wieder aufsuchten, so dass er bald zu ihrer neuen Heimstatt wurde. Es war eine von seichtem Wasser umspülte Bucht, die sich zum Lande hin in einen Sumpf erstreckte. Ein dichter Schilfgürtel säumte an dieser Stelle den See. Klobige, oft auch schon mit den Jahren morsch gewordene Kopfweiden standen bis zur Hälfte ihrer Stämme in modrigen Tümpeln. Doch hinter dem Sumpf und dem durchsichtig dürren Geäst der Bäume dehnten sich bis weit zu einem Dorf am Horizont die Getreideflächen der Bauern.

Hier nun verbrachte Gussi mit ihren Eltern und Geschwistern den Sommer. Es war eine herrliche Zeit.

Nahrung gab es im Überfluss. Laichkraut und Wasserlinsen, Rispengras und Löwenzahn und überall auch die sprießende Saat.

Die Sonne wurde nicht müde zu leuchten, schickte Tag für Tag ihre Strahlen über die Erde, wärmte Blumen und Gräser, brachte sie üppig zum Blühen, und auch allen Tieren lächelte sie zu, begoss sie mit ihrem Licht, die Fische dicht unter dem Wellengekräusel, die Bienen auf ihren Flügen zum Nektar, selbst die Würmer im blubbernden Sumpf. Nachts flimmerte der See im rötlichem Glanz des Mondes. Früh schon am Morgen schwirrten grüne und blaue Libellen durchs Schilf. Die Singvögel, Rohrsänger, Meisen, Pirole, ließen laut ihre Stimmen erklingen, so dass es sich anhörte wie Schellengeläut und Glockenton. Und sogar, kam der Regen, war er mild und erfrischend.

Gussi fühlte sich wohl. Eiei, dachte sie, was für ein schönes Leben hab ich mir ausgesucht! Täglich tummelte sie sich im Wasser, schwamm immer längere Strecken. Zwar hatte sie sich einmal ohne die Begleitung ihrer Eltern zu weit auf den See hinausgewagt, doch sofort holte die Mutter sie zurück, als sie ihr herzzerreißendes Wimmern vernahm: „Wiwiwie, wiwiwie – ich bin hie …“

Am liebsten tauchte und badete sie. Dann steckte sie tief den Kopf unter Wasser und wusch sich nacheinander die Flügel. Zum Schluss schoss sie sogar in überströmender Freude ein paar Purzelbäume. So sehr gefiel ihr das Baden.

Aber Gussi war nun kein Küken mehr. Statt der goldgelben Daunen trug sie ein Federkleid, das vorwiegend braun und grau gefärbt war, am Hals und am Bauch gestreift, über der Brust gefleckt, auf den Flügeln mit weißen Säumen und Spitzen.

Sie war fast erwachsen geworden.

Und da, eines Tages, riefen die Eltern sie zu sich, und wie schon vorher zu ihren Brüdern sprachen sie: „Jetzt wird es Zeit, Gussi, dass du das Fliegen lernst.“

Sie erschrak, kullerte ängstlich mit den Augen und bekam tatsächlich eine Gänsehaut.

„Flie-flie-fliegen?“, stotterte sie. „Aber warum denn? Ich bin doch ein Gänslein, und es genügt, wenn ich schwimmen und laufen kann. Denn mehr als den See und die Erde brauche ich nicht, um glücklich zu sein."

Ja, sie hatte schon andere Vögel, auch ihre Eltern, in die Lüfte steigen sehen. Doch jedes Mal war ihr bei diesem Anblick mulmig zumute gewesen. So hoch da oben, fürchtete sie, ohne Halt für die Füße und Schwingen in den zerfransten, dahinjagenden Wolken am Himmel, könnte man leicht abstürzen, wie ein Stein zu Boden fallen und sich den Hals brechen.

„Aber es muss so sein, gackgackgaak. Bald wird es Winter werden, und uns Gänsen ist es dann hier zu kalt.“

„In Afrika, gangganggang, haben wir unser zweites Zuhause. Hinter dem großen Meer. Dort ist es immer warm.“

Zwar bedrängten Vater und Mutter sie diesmal nicht länger, doch in den Tagen danach ermahnten sie sie immer öfter, fliegen zu lernen. Nicht selten stahl sich Gussi daraufhin von ihrer Familie fort und versteckte sich. Sie ruderte tief ins Dickicht des Schilfs, bis in den Sumpf hinein, wo sie schließlich eine Höhle in einem vermorschten, schon halb im Morast versunkenen Weidenstamm fand, die sie tagsüber vor allen Blicken und Nachstellungen verbarg. Auch antwortete sie weder Vater noch Mutter, wenn die nach ihr auf Suche waren und ihre Lockrufe ausstießen. Zwar musste sie sich abends nach ihrer Rückkehr die heftigsten Vorwürfe anhören, aber sie tat ganz reumütig, schwindelte den Eltern jedoch etwas vor. Sie habe allein das Fliegen geübt, sagte sie, und es gelinge ihr auch schon recht gut.

„Gangganggang, du wirst uns es morgen zeigen.“

„Gackgackgaak, und wehe, du hast uns belogen.“

1986 erschien im Kinderbuchverlag Berlin „Irrlichter“ von Barbara Kühl: Das ist die Geschichte einer schwierigen, nicht konfliktfreien Annäherung. Christian, der in einem Heim in Berlin lebt, seit seine Eltern bei einem Badeunfall ums Leben gekommen waren, soll wieder Eltern bekommen. Wieder richtige Eltern. Inselfischer Hinnerk Puttbreese und seine Frau wollen den Jungen adoptieren und laden ihn probeweise zu sich an die Küste ein. Puttbreese, der einen eigenen Kutter besitzt, hat allerdings auch einen Hintergedanken. Gern möchte er, dass aus Christian eines Tages ein Fischer wird wie er und dass er den Kutter übernimmt. Aber taugt denn Christian überhaupt für das Leben an der Ostsee und für diesen Beruf? Ein bisschen spillerig sieht er ja man aus, dieser schmächtige Hüpper aus Berlin, denkt Puttbresse. Außerdem müssen sie sich alle erst mal aneinander gewöhnen.

Und da gibt es noch ganz anderen Schwierigkeiten für Christian. Gut, dass da plötzlich sein Freund Rotfuchs, der wieder mal aus dem Heim abgehauen ist, an der Küste auftaucht. Aber zunächst begegnen wir erst einmal diesem Christian, der mit einem schweren Verlust klarkommen muss:

1. Kapitel

Christian lehnt am geöffneten Fenster. Ob Puttbreeses wohl kommen? Noch ist der parkähnliche Krankenhausgarten menschenleer wie an jedem Tag zu dieser frühen Stunde. Spatzen lärmen in der Fliederhecke. Eine Katze schnürt durch den Zaun. Irgendwo tschackert eine Elster. In den hohen Kiefern harft der Wind. Vom nahen Bahnhof weht ein Summton herüber, verebbt allmählich. Ein S-Bahn-Zug eilt Richtung Berlin.

Tage sind vergangen, seit Christian und sein Freund Rotfuchs hier auf der Unfallstation erwachten, Tage und Nächte, die die Jungen im gleichen Zimmer verbringen. Und wenn es da nicht Schmerzen gäbe und den hinderlichen Verband am Bein von Rotfuchs, wären sie längst zueinander ins Bett geschlüpft in aller Heimlichkeit wie so manchen Abend im Heim. Christian lag gern mit dem Zwölfjährigen unter einer Decke, flüsternd und kichernd. Und in der Nase diesen erregenden Schweißgeruch. Erst neulich hatte Rotfuchs ihm gezeigt, an wie viel Stellen seines Körpers rote Haare wachsen. Sagenhaft!

Ja, Christian – schmächtig und zimperlich – mag den robusten Uwe mit dem brandroten Schopf, den die Schulkameraden „Assi“ spotten wegen seiner Eltern. Als wenn Rotfuchs was für den Lebenswandel seiner Eltern kann! Hat er sie sich etwa ausgesucht – den Säufer und die Diebin? Und Christian? Nicht einmal solche Eltern hat er seit mehr als einem Jahr, nur zwei Gräber im Urnenhain von Blumwerder. Etwas zum Liebhaben – er braucht es genauso wie jemanden, der seine Zärtlichkeit erwidert, der ihn behütet oder aufmunternd in die Seite knufft. Denn Christian ist kein Held, ist nie einer gewesen.

Der Junge atmet tief auf. Wenn Puttbreeses kommen, darf er heute das Krankenhaus verlassen. Die Schnittwunden an den Händen sind verheilt. Auf Stirn und Schläfe wulstet eine blaurote hässliche Narbe. Rotfuchs muss noch bleiben. Das Heim ist nicht eingerichtet auf humpelnde Halbkranke. Armer Kerl! denkt Christian und fühlt sich ein ganz klein wenig schuldig. Bisher hatten es die Jungen vermieden, miteinander über ihr gefährliches Abenteuer zu sprechen. Sie wissen, dass sie ihr Leben einem Zufall verdanken, einem riesigen Haufen Torfmull, der in das Gewächshaus gefahren worden war. Nie wieder würde er … schwört sich Christian, nie wieder! Oder vielleicht doch? Bei so einem Grund?

Und noch einmal steht Christian im Erzieherinnenzimmer des Kinderheimes Kastanienallee Nummer sieben vor Frau Männel, gegen Übelkeit und schlechtes Gewissen ankämpfend. Blutsbrüderschaft hatten sie miteinander geschlossen, er und Rotfuchs, dazu die in die Unterarme geritzten winzigen Wunden aufeinandergepresst. Was wollte die Heimleiterin? Hatte sie etwas gemerkt?

„Wie gefällt es dir bei uns, Christian?“, fragte sie den blassen Jungen, den man ihr vor einem reichlichen Jahr gebracht hatte.

„Ich weiß nicht …“ Christian zögerte. „Zu Hause war es besser.“

„Und ein neues Zuhause – könntest du dir das vorstellen?“

„Das Heim ist nicht mein Zuhause!“

„So meinte ich es nicht, Christian. Der Anruf eben … es gibt da Menschen, die sich für dich interessieren. Ein Ehepaar, das dich vielleicht adoptieren möchte.“

„Was ist das – adoptieren?“

„Sie wollen dich aufnehmen wie einen Sohn, wollen dir Vater und Mutter sein. Verstehst du das?“

Christian glaubt, sich verhört zu haben, und misstrauisch fragt er: „Ich soll wieder Eltern kriegen? Richtige Eltern? Geht denn das überhaupt?“

„Warum soll das nicht gehen?“

Da war sie wieder, die Sehnsucht nach den Eltern. Und auch Hoffnung war da, das Leben könne noch einmal so werden wie mit Mama und Papa.

„Kenn ich die? Wohnen die auch hier in Berlin? Und – wann holen sie mich?“

„Christian, Christian, eins nach dem anderen.“ Lachend hob Frau Männel die Hände und betrachtete den zehnjährigen Jungen. Röte hatte sein bleiches Gesicht überzogen bis in die dünnen blonden Haare hinauf, die Augen glänzten ungewöhnlich.“

1967 erschien im Verlag Zenner und Gürchott Leipzig „Licht auf dunklem Grund. Ein Rembrandt-Roman“ von Renate Krüger. 1998 brachte edition q eine Übersetzung ins Japanische heraus. Eine weitere Druckausgabe erschien 2001 im Alittera-Verlag München: Wer kennt nicht die berühmten Bilder Rembrandts, Szenen aus der Bibel und dem Alltag, Porträts und Landschaften, die unverwechselbar das Leben im Goldenen Zeitalter der Niederlande widerspiegeln und deuten? Die Autorin folgt in ihrem Roman nicht der gewohnten Methode, das gesamte Leben Rembrandts zu erzählen, sondern fängt wichtige Abschnitte wie in einem Brennspiegel ein: im Tagebuch von Rembrandts jüdischem Freund, dem Diplomaten, Schriftsteller, Drucker und Verleger Manasse ben Israel (1604-1657) von der Portugiesischen Synagoge in Amsterdam. Diese Abschnitte empfangen Motivation und Deutung aus Rembrandts Bildern, die somit ihren besonderen Platz im Leben erhalten, zumal in der Auseinandersetzung mit dem strengen jüdischen Bilderverbot.

Eines Tages steht Manasse ben Israel  vor der „Nachtwach“ und wird in Zweifel gestürzt, ob die Gesetze des Judentums, in denen es heißt: „Du sollst dir kein Bildnis machen“, zu Recht bestehen. Er beginnt sein Leben und damit seine Wandlung aufzuschreiben. Aus den Aufzeichnungen erleben wir sowohl das Schaffen Rembrandts als auch das Herauswachsen des Weisen der Portugiesischen Synagoge in Amsterdam aus den alten Traditionen, das sie, die Nachbarn Rembrandts, zu treuen, helfenden Freunden werden lässt. Lesen wir einfach mit, was Manasse ben Israel  zu sagen hat:

Die Nachtwache

Amsterdam, 12. Mai 1642

DIES SCHREIBT MANASSE BEN ISRAEL von der Portugiesischen Synagoge zu Amsterdam, der damit von seiner Gewohnheit abweicht, nur über den Ewigen ‑ gelobt sei Er! ‑ und Seine geheimnisvollen Zeichen in der Welt zu schreiben, der bisher noch niemals etwas über sich selbst geschrieben hat und von dieser Gewohnheit auch nicht abzuweichen gedachte.

Warum schreibe ich denn überhaupt und worüber? Heute habe ich eine Erkenntnis gewonnen, die alle meine bisherigen Erkenntnisse übersteigt, die mich einen neuen Weg beginnen lässt, einen Weg, der nicht schweigend gegangen werden darf, sondern in das Wort gezwungen werden muss. Man nennt mich wortgewaltig, und schon vieles habe ich ins Wort gebracht und damit dauerhaft gemacht.

Seit einigen Jahren hat meine Feder geschwiegen, es lag ihr nichts am Tagesgeschwätz, und als ich sie heute hinter meinen Büchern herauszog, war sie stumpf geworden vom Staub der Jahre, aber was tut’s! Ich will keine spitzen Reden führen! Leicht liegt die Feder in meiner Hand, und doch wiegt so schwer, was aus ihr fließt, es ist eine neue Welt, die sich mir erschloss, es ist eine Veränderung im Kosmos.

Hier in meinem Zimmer werde ich die neue Welt austragen, festhalten, festschreiben, welcher Raum wäre dafür geeigneter? Hier sind wir nur drei, die Zeit, die Stille und ich. Zeit und Stille sitzen zu meiner Rechten und zu meiner Linken, und dazwischen klagt mein aufgeregtes Herz ‑ oder ist es Jubel? ‑, das heute etwas Neues erfuhr. Ist nicht alles neu um mich?

Ich sehe mein Zimmer, wie ich es noch niemals sah, wie ich es niemals sehen wollte. So wie jene merkwürdigen Menschen, die versuchen, die Zeit und den Raum im Bilde festzuhalten und nicht nur das, auch den Menschen … Ich aber habe mir niemals gemalte Menschen angesehen, andere Bilder aber habe ich schon betrachtet ‑ und verflucht ‑, denn es widerstrebt dem Willen des Ewigen gelobt ‑ sei Er! ‑, das Zeitliche zur Ewigkeit zu machen, da es doch bestimmt ist, Staub und Asche zu werden.

Und doch ‑ heute sieht mein Zimmer aus wie eines jener kleinen Bilder, mit denen mein Sohn leider handelt, obgleich ich ihm viele Nächte hindurch erklärt habe, dass er Götzendienst betreibt. Er aber sagte, die Maler malten so aus Liebe zu den Dingen.

Sehe ich mein Zimmer nun auch anders, weil ich diese Dinge hier liebe? Den Tisch, unter den ich meine Beine strecken kann; er steht auf vier starken Balusterfüßen, kräftig genug, um die mächtige Eichenplatte zu tragen. Ein bunter, wollener Tischteppich verbirgt die hebräischen Buchstaben, die ich in erleuchteten Nächten auf die Tischplatte geritzt habe, damit sich meine Blicke an ihnen festsaugen, an den heiligen Zeichen untrüglicher Sicherheit und leuchtender Wahrheit.

Und auf dem Tischteppich meine Bücher, Folianten in den Sprachen der Welt, deren heiligste das Hebräisch ist, Mutter und Wurzel des Griechischen und Lateinischen. Ich kenne jeden Buchstaben dieser Bücher im schweinsledernen Kleid, besser noch als den Anblick der Dinge in meinem Zimmer, die mir heute so neu erscheinen. Ich habe mir nie die Zeit genommen, sie den Weg durch das Auge in mein Herz finden zu lassen, denn dort will ich nur beständige und sichere Werte aufbewahren.

Sind aber Tische und Stühle, Fenstervorhänge und Bücherpulte beständig? Sie sind da, weil sie gebraucht werden, weil sie benutzt werden müssen. Wo sollte ich sonst arbeiten, wenn nicht an einem starken Tisch, wo sollte ich sitzen, wenn nicht auf einem Stuhl, wie sollte ich mich vor neugierigen Blicken schützen, wenn nicht durch Fenstervorhänge, und wo schließlich sollte ich meine Bücher aufbewahren, wenn nicht in Pulten und Regalen?

Alle diese Gedanken sind selbstverständlich, und ich bin sehr verwundert, dass sie sich mir heute aufdrängen wie Fragezeichen und mich von der Betrachtung des Ewigen ‑ gelobt sei Er! ‑ abhalten. Aber dennoch ‑ ich will diesen Fragezeichen nicht aus dem Wege gehen, vielleicht gönnt mir der Ewige ‑ gelobt sei Er! ‑ das Geschenk der Illusion, die Dinge seien dauerhaft und mehr als bloßes Zweckgerät.

So wie auf jenem Bild, das ich früher bei meinem Sohn sah (nicht auf dem Bild, das mir gestern neue Erkenntnisse aufzwang), es drängt mich, sie aufzuschreiben, aber ich muss mit meinen Gedanken etwas zurückgehen ‑ jenes ziemlich kleine Bild also, das nicht mit Farben gemalt, sondern in Kupfer gestochen war wie in meiner Druckerei die Verzierungen. Ich blickte in einen Raum, ähnlich dem, in dem ich hier sitze, etwas altertümlicher wohl, denn der Stich sei immerhin über hundert Jahre alt, sagte mein Sohn, der es wissen muss, wegen der Preise …

Auch dort sitzt jemand an einem Tisch und schreibt in ein Buch, ein Erleuchteter, auf dessen Haupt sich das Licht niedergelassen hat, und was für ein Haupt! Aber darf man so etwas darstellen? Das Bild des Ewigen ‑ gelobt sei Er! ‑ allen Blicken preisgegeben? Man muss es verbergen, wie die heiligen Rollen im dunklen Thora-Schrein, weil die heilige Thora, das Gesetz des Ewigen ‑ gelobt sei Er! ‑ das einzige Unwandelbare und Dauerhafte ist.

Aber ich will den Erleuchteten in seinem Zimmer gelten lassen, weil ich an seine Erleuchtung glaube. Das andere, das da vor ihm in einiger Entfernung auf dem Tisch stand, habe ich freilich nicht beachtet, diesen Gesetzesübertreter am Kreuz, ehemals ein Sohn Israels wie ich, nunmehr Rechtfertigung für den Tod Tausender Glieder am Stamme Judas … Nur nicht daran denken! Ich wollte ja auch über diesen Raum schreiben, der mir jetzt wieder so deutlich vor Augen steht, der meinem Raum hier so eindringlich gleicht ‑ warum nur?“

1979 veröffentlichte Christa Grasmeyer im Verlag Neues Leben Berlin „Der unerwünschte Dritte“: Die Opernsängerin Edda Schumann aus Schwerin adoptiert Dörte als Baby und holt nach zwei Jahren noch die 12-jährige Sophie aus dem Heim, die sich daran gewöhnt hat, mit dem Verlust liebgewordener Menschen fertig zu werden. Mit viel Liebe und Geduld werden alle drei eine glückliche Familie. Und dann ist da noch Bodo und die erste Liebe der inzwischen 15-jährigen Dörte. Alles könnte so schön sein, wenn die Mutter nicht den 10-jährigen Peter aus dem Heim geholt hätte. Die Katze hat er getötet, die Fische vergiftet, er stört einfach. Und doch sucht Sophie verzweifelt eine lange Nacht hindurch den davongelaufenen Jungen, den sie vergrault hat. Schuld quält ihr Gewissen. Wenn wenigstens Bodo bei ihr wäre, aber der will seine Ruhe haben. Gleich zu Beginn ist etwas Schreckliches passiert:

1. Kapitel

Zuerst konnte ich kaum fassen, was ich sah. Alle meine Fische, meine farbenprächtigen Guppys, lagen tot auf dem Grund. Dörte weinte. Ich schob die Glasplatte zurück. Sonst waren auf diese Bewegung hin die Fische sofort fressgierig an die Oberfläche gekommen. Jetzt rührte sich nichts. Ich tauchte den Kescher .ins Wasser und holte eines der silbrig geschuppten Weibchen heraus. Es gab kein Zeichen von Leben mehr.

„Heute morgen waren sie noch ganz gesund“, jammerte Dörte.

Das wusste ich. Wie jeden Morgen hatte ich, bevor wir zur Schule gingen, die Aquariumleuchte eingeschaltet. Fische werden nicht wie Vögel schlagartig munter, sie brauchen eine Weile zum Erwachen. Darüber hatte ich mich anfangs oft gewundert. Überhaupt gab es viel zu bewundern an meinen Aquariumbewohnern, viel zu beobachten und zu lernen. Und nun war es aus damit. Ich nahm mich zusammen. Schlimm genug, dass Dörte weinte.

„Stimmt, sie waren nicht krank“, sagte ich.

„Aber die Lampe war aus“, sagte Dörte.

„Das Aquarium war dunkel?“

Dörte nickte. „Ich hab die Lampe erst angemacht.“

Meistens kam Dörte eher nach Hause als ich. Sie ging in die erste Klasse und hatte noch nicht so viele Stunden. Wenn wir aus der Zehnten in den Speiseraum gingen, hatten die Klassen der Unterstufe schon gegessen. Auch Peter!

„Hast du Peter vorhin beim Essen gesehen?“

„Nein“, sagte Dörte.

Ich riss die Tür auf. Das kleine Zimmer nebenan, das meine Mutter extra für Peter eingerichtet hatte, war leer.

„Wo ist er?“, murmelte ich, und mein Verdacht wuchs.

Dörte fasste meine Hand. „Sophie, was hast du?“

„Er! Er hat die Aquariumleuchte ausgeschaltet!“

„Die Fische sterben doch nicht, wenn’s mal dunkel ist.“

„Nein, aber es ist ein Zeichen, dass einer hier gewesen ist und irgendwas mit den Fischen angestellt hat. Um neun ist Mutti zur Probe gegangen, und danach…, danach hatte Peter freie Bahn.“

Dörte stand starr vor Schreck. „Er hat die Fische umgebracht, wie meine Katze?“

„Ja.“

Dörte fing wieder an zu weinen. Ich setzte mich und nahm sie auf den Schoß. „Wein nicht, Dörting. Siehst du, ich wein ja auch nicht.“ Aber sie schniefte und schluchzte verzweifelt.

„Wie hat er die Fische umgebracht?“, fragte sie.

„Wir werden’s schon rauskriegen!“

Ich ließ Dörte vom Schoß rutschen und wischte ihr die Tränen ab. „Hör zu, Dörte, ich nehm dich nachher mit zu Bodo ins Bootshaus, willst du?“

Sie nickte. Zu Bodo hatte ich sie noch nie mitgenommen, weil er kein Verständnis hatte für kleine Kinder. Aber heute, das würde er wohl einsehen, konnte ich Dörte nicht einfach zu Hause lassen. Meine Mutter war im Theater, sie hatte Hauptprobe, und die dauerte stundenlang. Eigentlich hätten wir auch im Theater sein müssen, denn wir sangen beide im Kinderchor, und der hatte in „Carmen“ allerhand zu tun. Meine Mutter meinte aber, es reiche völlig aus, wenn wir morgen die Generalprobe mitmachten. Wir hätten ja schon so viele Proben gehabt und sollten nicht dauernd in der Schule fehlen.

Dörte packte ihre Schultasche aus. „Ich mach bloß schnell die Hausaufgaben.“

Ich sah ihr zu. Für mich hatte die Art, wie Dörte Hausaufgaben machte, was Rührendes. Ich stand kurz vor dem Schulabschluss und hatte bereits eine Lehrstelle als Friseuse im Theater. Später würde ich sogar in der Maskenbildnerei arbeiten dürfen, das war mein Ziel.

Dörte malte die Buchstaben, sie schob die Zungenspitze zwischen die Lippen und pustete von unten gegen die Locken, die ihr in die Stirn fielen. Ich sah, dass sie heimlich beim Rechnen die Finger benutzte. Aber sie fragte mich kein einziges Mal.

Peter zog Dörte an den Haaren, zerbrach ihr den Füller, steckte ihr Schnecken ins Bett und redete ihr hässliche Wörter vor. Er verleitete sie zum Naschen, zum Flunkern, bei jeder Gelegenheit schob er die Schuld auf Dörte. Wie schlecht muss einer sein, der an solch einem kleinen Mädchen seine Mucken auslässt!

Es klingelte. Dörte blickte hoch. „Schreib weiter“, sagte ich und ging öffnen. Unsere Nachbarin hielt mir Peters Schultasche hin. Die sei bei ihr abgegeben worden, und zwar von einem fremden Jungen, der sie mehrere Haustüren weiter gefunden habe. „Zum Glück“, sagte die Nachbarin, „stand die Adresse drin. Sonst wäre die Tasche wohl weg gewesen.“

Ich dankte ihr und nahm die Tasche an mich. Was hatte das nun wieder zu bedeuten? Ich öffnete die Tasche und sah, dass alles noch so steckte, wie meine Mutter es abends eingeordnet hatte. Das musste sie Peter nämlich jeden Abend von neuem zeigen. Nach drei oder, besser gesagt, vier Schuljahren – einmal war er sitzengeblieben – hatte er immer noch keinen blassen Schimmer von Ordnung.

Er ist gar nicht zur Schule gegangen, überlegte ich, nein, er ist überhaupt nicht da gewesen. Er hat die Tasche irgendwo hingeschmissen. Im Grunde konnte es mir gleichgültig sein. Sollte er doch schwänzen und alle Welt gegen sich aufbringen, damit auch meine Mutter endlich zur Einsicht kam. Ich stellte die Tasche in das kleine Zimmer, das gerechterweise mir zugestanden hätte. Ich schlief mit Dörte zusammen. Das Einzelzimmer besaß Peter. Gerecht ging es bei uns seit langem nicht mehr zu.

Nun, da scheint es ja heftige Probleme mit der Gerechtigkeit zu geben in dieser Familie – zumindest aus Sicht der beiden Mädchen. Und die Leserin und der Leser dürfen gespannt, wie sich das alles noch entwickelt. Ach, und wo ist eigentlich Peter, dieser Störenfried? Es wird ihm doch wohl hoffentlich nichts passiert sein?

Viel Vergnügen beim Lesen dieser Familiengeschichte wie auch bei den anderen vier Sonderangeboten dieses Newsletters, bleiben Sie auch in der letzten Woche des alten Jahres weiter vorsichtig, weiter aber vor allem schön gesund und munter. Ihnen einen guten Rutsch sowie ein gutes und glückliches, ein friedliches und vor allem gesundes und bald vielleicht Corona-freies Jahr 2022.

Über die EDITION digital Pekrul & Sohn GbR

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