Wut – aus Hilflosigkeit und Schweigen geboren

»Mit der Faust in die Welt schlagen« war DER Sensationsroman  des Jahres 2018, den Lukas Rietzschel im Alter von erst 24 Jahren geschrieben hat.  Mit genau beobachtendem Blick beschreibt er darin die hilflose Suche junger Menschen nach Orientierung in einer auseinanderbrechenden  Gesellschaft und ihr schleichendes Abdriften ins rechte Milieu im Osten Deutschlands – ohne Wertung, ohne moralischen Zeigefinger, dafür umso eindrücklicher. Der Roman erschien fast zur gleichen Zeit, als die Krawalle in Chemnitz die Nation erschütterten und wurde so zum Buch der Stunde. Ganz Deutschland suchte nach Erklärungen: Was ist da los? Wie kann es heute, 75 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus, wieder soweit kommen? Warum stoßen Parteien mit unverhohlen rechtsradikalem Profil auf so massive Zustimmung, und wieso gelingt es ihnen, so massenhaft Wähler zu mobilisieren?  »›Mit der Faust in die Welt schlagen‹ vermittelt einen unverstellten Blick auf die Ursachen und liefert zugleich eine hochaktuelle und sensible Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Situation in unserem nach wie vor zerrissenen Land«, sagt Intendant Axel Vornam, der auch Regie führt. Lukas Rietzschel beschreibt, wie es ist, wenn die Heimat verschwindet, Menschen ihre Arbeit und ihre Würde verlieren und eine Region sozialökonomisch erodiert. Das sind Erlebnisse und Erfahrungen, die Bürger mittlerweile auch in vielen Regionen im Westen der Bundesrepublik teilen,  aber nicht in so einer rasanten Beschleunigung, in der sich die Umbrüche in Ostdeutschland vollzogen.

Das  Theater Heilbronn bringt »Mit der Faust in die Welt schlagen«  als erstes Haus auf die große Bühne, nachdem in Dresden und Düsseldorf schon zwei Dramatisierungen für die kleinere Bühne herausgekommen sind. Mit der Bühnenfassung hat das Theater den Autor Thomas Martin beauftragt, der bis 2017 Hausautor, Dramaturg und künstlerischer Produktionsleiter der Berliner Volksbühne unter Frank Castorf war. Die Premiere ist am 18. Januar 2020 um 19.30 Uhr.

Sven- Marcel Voss und Lukas Janson spielen das Brüderpaar Philipp und Tobias. Außerdem verstärken mit Friederike Pöschel und Frederik Bott zwei Gäste das Ensemble. Die Studierenden des 4. Studienjahres der Akademie für Darstellende Kunst Ludwigsburg Florian Gerteis, Simon Kluth und Arne Löber spielen die Freunde der Brüder.

Zum Inhalt

Elf Jahre nach dem Mauerfall bauen die Eltern von Philipp und Tobi ein Häuschen in ihrem Heimatdorf in der Lausitz. Endlich raus aus dem Plattenbau. Es geht aufwärts, so scheint es, wenigstens für sie.  Die meisten Arbeiten am Haus macht der Vater in Eigenleistung. Uwe, ein umgeschulter Elektriker wie der Vater, hilft ihm dabei, denn er hat sonst nichts zu tun. Man munkelt, dass er bei der Stasi gewesen sein soll. Seitdem will kaum einer mehr was mit ihm zu tun haben, obwohl niemand genau weiß, was an den Gerüchten dran ist.

Zu Tobis Einschulung ist das Haus fertig. Philipp, der große Bruder, hat die Grundschule schon fast hinter sich. Die Familie scheint besser intakt zu sein als viele andere im Ort, wo die Paare auf der Suche nach neuer Arbeit auseinandergebrochen sind und die Kinder bei einem Elternteil zurückblieben. Die Schamottefabrik im Ort, die über Generationen den meisten im Ort Arbeit gab, ist stillgelegt. Die Tagebaue sind geflutet.

Doch die familiäre Idylle trügt. Schweigen macht sich breit – zwischen Vater und Mutter, und auch die drängenden Fragen von Tobias und Philipp werden von den Eltern und Großeltern überhört. Warum hat der leere Neubaublock in Hoyerswerda einen verbrannten Balkon? Was ist das für ein Kreuz, das in der Schule auf die Steine geschmiert wurde? Weshalb fliegen die Flugzeuge in die Türme in New York? Gibt es wieder Krieg? Die Kinder haben Angst. Und Eltern und Lehrer, die selbst um Orientierung ringen, weil sie in den letzten Jahren alle Sicherheiten verloren haben, wissen keine Antworten.

15 Jahre lang, von 2000-2015, begleitet die Geschichte das Aufwachsen von Tobi und Philipp und schildert aus deren Perspektive die Veränderungen in der sächsischen Provinz:  Der Schornstein der Schamottefabrik ist gesprengt und aus Tobis alter Schule soll ein Asylbewerberheim werden. Kein Arzt mehr, kein Bäcker mehr, keine Apotheke mehr, keine jungen Frauen mehr, keine Familien mehr – nur noch alte Paare vor dem Fernseher und junge, unzufriedene Männer, die nicht wissen, wohin mit ihrer Hilflosigkeit und ihrer Wut.

Vom Roman zur Bühnenfassung

Thomas Martin hat mit der Bühnenfassung die Atmosphäre und die Handlung der Romanvorlage aufgegriffen und dennoch ein ganz eigenständiges Kunstwerk geschaffen, das durch eine zusätzliche kommentierende Ebene noch deutlicher die Nachwende-Kollektiverfahrungen der Menschen in Ostdeutschland benennt und sie neben die individuellen Geschichten stellt. Dies geschieht einerseits über die Einarbeitung chorischer Passagen, zu denen sich die Darsteller in verschiedenen Formationen zusammenfinden. Andererseits über die Figur der Elli, die im Vergleich zum Roman in der Bühnenfassung des Theaters Heilbronn eine größere Gewichtung erfährt. Sie führt als Kommentatorin und Beobachterin durch die Handlung und transportiert die atmosphärischen Landschafts- und Ortsbeschreibungen, die für das Begreifen der Situation so wichtig sind. Durch diesen Kunstgriff gelingt es der Fassung, auch für Zuschauer im Westen die gesellschaftlichen Erschütterungen der letzten 30 Jahre für die Menschen in Ostdeutschland begreifbar zu machen und zu verdeutlichen, was hinter ihrem Schweigen, ihrer Verunsicherung, ihrer Wut steckt. Die Bühnenfassung entstand in enger Zusammenarbeit mit Regisseur Axel Vornam und Dramaturgin Sophie Püschel. Dem Inszenierungsteam ist es ein Anliegen, diese massiven Erfahrungen der gesellschaftlichen Erosion aufzuzeigen  ̶  ohne Sentimentalität, ohne Nostalgie, ohne Rechtfertigung. Ein Verstehen der radikalen, teilweise brutalen Transformationsprozesse ist das Ziel.

Bühne

Auf der Suche nach einem Bild, welches über das konkrete Milieu hinaus eine gesellschaftliche Zustandsbeschreibung liefert, hat Ausstatter Tom Musch eine monumentale Bühnenlösung geschaffen: Über die gesamte Bühne spannt sich ein gekippte, schwebende Plattenbauwand, die wie »eine Rampe dem sinnleeren Horizont« entgegenragt. Den alten Gewissheiten kann man nicht trauen, die Perspektiven stimmen nicht mehr. Über der Schräge hängt eine LED-Wand für Videoclips, die von Nikolai Stiefvater als dokumentarische oder kommentierende Ebene designt werden.

Lukas Rietzschel wurde 1994 im sächsischen Räckelwitz (Oberlausitz) geboren. Er studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Kassel sowie Kulturmanagement in Görlitz. 2012 wurde sein erster Text im ZEIT Magazin publiziert, es folgten weitere Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien. 2017 war er Gewinner bei „poetlbewegt“. Für sein Romandebüt »Mit der Faust in die Welt schlagen« wurde er 2016 mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur ausgezeichnet. 2018 war der Text unter den Finalisten des aspekte-Literaturpreis des ZDF für das beste deutschsprachige Prosadebüt. 2019 erhielt Rietzschel den Gellert-Preis. Gemeinsam mit der Regisseurin Liesbeth Coltof und der Dramaturgin Julia Weinrich dramatisierte er seinen Roman für das Staatsschauspiel Dresden. Die Uraufführung fand am 13. September 2019 statt. In einer zwei Personen-Fassung wurde der Text am 26. September 2019 am Düsseldorfer Schauspielhaus in der Regie von Martin Grünheit auf die Bühne gebracht. Lukas Rietzschel lebt in Görlitz.

Thomas Martin wurde 1963 in Ost-Berlin geboren. Er arbeitete nach dem Abitur als Transportarbeiter und Bühnentechniker. Von 1988 bis 1993 war er zunächst als Regieassistent, später als Dramaturg und Autor am Deutschen Theater Berlin tätig, wo er mit Heiner Müller und Frank Castorf zusammenarbeitete. Ab 1987 veröffentlichte er erste Lyrik, Prosa und Essays, später Reportagen, Rezensionen und Kolumnen. Es folgten Stationen als Dramaturg am Berliner Ensemble, als Redakteur der Berliner Zeitschrift „Sklaven“ sowie als künstlerischer Leiter der Internationalen Brecht-Tage im Literaturforum Berlin. Von 2010 bis 2017 war er als Dramaturg, Autor und Künstlerischer Produktionsleiter an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz tätig. Thomas Martin lebt als freier Autor in Berlin.

Premiere am 18. Januar 2020, 19.30 Uhr im Großen Haus des Theaters Heilbronn
Mit der Faust in die Welt schlagen
Nach dem Roman von Lukas Rietzschel
Für die Bühne bearbeitet von Thomas Martin

Regie: Axel Vornam
Ausstattung: Tom Musch
Video: Nikolai Stiefvater
Dramaturgie: Sophie Püschel

Philipp: Sven-Marcel Voss
Tobias: Lucas Janson
Mutter: Johanna Sembritzki
Vater/Redner: Nils Brück
Großmutter: Sabine Unger
Uwe/Andreas/Polizist/Mielke: Oliver Firit
Lehrerin/Kathrin/Ramons Mutter: Friedrike Pöschel
Menzel: Frederik Bott
Ramon: Arne Löber
Axel: Florian Gerteis
Felix/Christoph: Simon Kluth
Elli/Sorbe: Romy Klötzel

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