Liberating Structures – Zusammenarbeit, die befreit – Ein Erfahrungsbericht

Liberating Structures sind nicht neu oder cool, sondern so, wie wir schon immer miteinander hätten umgehen sollen. (Johannes Schartau, Liberating-Structures-Pionier)

In der Sulzer Agile Community treffen sich Interessierte und Engagierte rund um das Thema Agilität und Agiles Projektmanagement, um sich über Erfahrungen auszutauschen, Best Practices vorzustellen und vor allem auch um bewährte wie neue Methoden miteinander zu teilen und zu diskutieren. „Liberating Structures“ (LS) ist eine solche Methode – bzw. vielmehr ein Set aus insgesamt 33 einzelnen Methoden, um Meetings, Workshops und andere Zusammenkünfte produktiver und inklusiver zu gestalten. 

Sie wurden von Henri Lipmanowicz und Keith McCandless entwickelt und basieren auf der Annahme, dass traditionelle Meetings und Strukturen oft wenig Raum für die Ideen und Perspektiven aller Teilnehmer bieten. Liberating Structures bieten eine Vielzahl von Optionen, um die Beteiligung und Kreativität aller Teilnehmer zu fördern und bessere Entscheidungen zu ermöglichen. 

Darüber hinaus beschreibt Liberating Structures auch ein Konzept mit philosophischem Anspruch – wie das einleitende Zitat deutlich macht. Für die Sulzer Agile Community Grund genug die Methode genauer zu beleuchten und darüber ins Gespräch zu kommen. Die Erkenntnisse daraus teilen wir an dieser Stelle.

Wie unterstützen Liberating Structures Entscheidungsprozesse?

Liberating Structures (dt. „Befreiende Strukturen“) sollen methodisch die Interaktion einer Gruppe choreografieren mit dem Zweck sich über vielfältige und komplexe Herausforderungen gemeinsam gleichberechtigt auszutauschen. Macht und Kontrolle sollen hierbei auf die gesamte Gruppe verteilt werden. Liberating Structures sind sorgfältig strukturiert und kombinieren geschickte Abfolgen, zielführende Fragestellungen und erhellende Metaphern.

Grundsätzlich ist die Ausgestaltung der einzelnen LS sehr verschieden bezogen auf die verschiedenen Einsatzzwecke der jeweiligen LS. Im Kern geht es jedoch meist um eine Entscheidungsfindung, die in der Regel immer den gleichen Ablauf vorsieht:

  • Formulierung des Problems: Welche Herausforderung liegt vor?
  • Lösungsentwurf: Wie können wir das Problem lösen?
  • Entscheidung: Für welche Lösung(en) entscheiden wir uns?
  • Informationsbeschaffung: Wie sehen die Details und der Kontext aus?
  • Bewertung: Wie schätzen wir die Lösung(en) ein?
  • Umsetzung: Wie setzen wir die Lösung um und welche konkreten nächsten Schritte sind dafür notwendig?

Die 33 einzelnen Methoden ermöglichen allen Teilnehmern eine aktive Beteiligung am gesamten Entscheidungsprozess. 

Wie unterstützen Liberating Structures agile Werte und Prinzipien?

Liberating Structures können Agile Werte und Prinzipien auf mehrere Weisen umsetzbar machen sowie die die drei Säulen der intrinsischen Motivation fördern (Purpose, Mastery, Autonomy).

Zunächst können sie dazu beitragen, dass alle Teammitglieder an Diskussionen teilnehmen und ihre Ideen einbringen können, was zu mehr Transparenz und Offenheit beitragen kann, zwei wichtige agilen Werte. Die Methoden bestehen aus präzisen Anweisungen, eine Art Choreographie für die Teams. Diese setzt damit einen Fokus auf das Wesentliche und hilft dabei, Entscheidungen effizient und möglichst frei von Verschwendung zu treffen.

Darüber hinaus kann das Methodenset die Kommunikation und Zusammenarbeit in Teams fördern. Indem jedes Teammitglied gleichermaßen in Entscheidungsprozesse einbezogen wird, kann Gleichberechtigung und ein hohes Maß an Respekt im Umgang im Team gefördert werden. Durch das Aufbrechen von Hierarchien und Entscheidungsgewalten wird dabei Selbstorganisation ermöglicht. Zudem erhöht diese Vorgehensweise das Commitment jedes einzelnen zu den erarbeiteten Ergebnissen. Nicht zuletzt wird auch der agile Wert „Mut“ beansprucht: einerseits wird es weniger Mut brauchen, sich im Rahmen von Liberating Structures zu äußern, da jeder aktiv eingebunden wird. Jedoch braucht es definitiv ein bisschen Mut, eine neue Methode auszuprobieren und sich darauf einzulassen. 

Teams können zudem lernen und sich verbessern, indem sie die Möglichkeit haben, Feedback zu geben und zu empfangen. Dies unterstützt das Scrum-Prinzip „Inspect & Adapt„.

 Was ist dabei zu beachten?

Es ist wichtig zu beachten, dass der Einsatz von Liberating Structures Zeit und Übung erfordert, um die vollen Vorteile zu realisieren. Das gilt auch für die Moderation, bei der es auf gutes Timeboxing und eine zunächst möglichst genaue Umsetzung der Vorgaben ankommt. Die Gründer betonen hier, dass sie die Methoden intensiv erprobt haben und es sich lohnt, den beschriebenen Schritten zu folgen. Auch sollten alle Mitglieder des Teams an der Verwendung von Liberating Structures teilnehmen, um die besten Ergebnisse zu erzielen.

 Liberating Structures im Praxistest

Schon vor unserem praktischen Ausflug in die Liberating Structures mit der Agilen Community hat sich eine Methode besonders hervorgetan. Ob in Retrospektiven, Workshops oder anderen Situationen, wenn Entscheidungen oder Lösungen gefunden werden sollen, ist „1-2-4-All“ ein absoluter Klassiker. In der Agilen Community haben wir hierbei die Frage gestellt: „Wie müsste die nächste Agile Community (gestaltet) sein, damit du deinen Kollegen am nächsten Tag voller Begeisterung davon berichtest?“ und mit Hilfe der Liberating Structure interessanten Input aus der Community erhalten. Diese Struktur ermöglicht es jedem Teilnehmer, seine Ideen einzubringen und Feedback von der Gruppe zu erhalten. Die Methode ist schnell verstanden und dadurch für LS Neulinge perfekt geeignet.

Der Prozess beginnt damit, dass jeder Teilnehmer für sich Ideen entwickelt, dann werden zwei Teilnehmer gebeten, ihre Gedanken dazu zu teilen, anschließend eine Vierer-Gruppe und schließlich präsentieren alle Teilnehmer ihre Ideen. Dabei hat jede Phase einen klaren Zeitrahmen, wodurch Detaildiskussionen vermieden werden und Ideen in genau 12 Minuten (1+2+4+5) entwickelt und beschlossen werden. Sollte das Ergebnis noch nicht ausreichend sein, kann mit den neuen Erkenntnissen eine neue Runde begonnen werden, um noch konkreter zu werden. Besonders hilfreich ist diese Liberating Structure für Teilnehmer, die ungern in großen Gruppen sprechen. Da sie zunächst nur mit einem Partner und später zu viert über ihre Beiträge sprechen, geht auch ihr wertvoller Input nicht verloren. 

Darüber hinaus haben wir in der Agilen Community den Teilnehmern zwei weitere Methoden zum Kennenlernen zur Wahl gestellt: „Min Specs“ und „Troika Consulting“. 

„Min Specs“: Diese Struktur hilft den Teilnehmern, konkrete und realistische Ziele zu definieren. Dabei detaillieren sie nur die Dinge, die gemacht werden müssen, und solche, die auf keinen Fall getan werden dürfen. In der Community haben wir dafür die Fragestellung gestellt, wie Eigenverantwortung und Selbstorganisation im Team gefördert werden kann. Dabei ist die Gruppe beispielweise zu der Erkenntnis gekommen, dass ein Team zunächst „Selbstorganisation“ für sich definieren sollte. 

„Troika Consulting“: In dieser Form der kollegialen Fallberatung konnten die Mitglieder ihre Fragen aus der agilen Praxis stellen, bei der die Fähigkeiten „Zuhören“ und „Beraten“ abwechselnd angesprochen wurden. In 25 min konnten zwei Fälle betrachtet werden und den Teilnehmern wertvolle Impulse geben.

 Ein agiles Fazit

Die drei Liberating Structures haben uns in kurzer Zeit geführte Diskussionen mit interessanten Ergebnissen ermöglicht, bei denen der „Community“-Sinn gestärkt wurde. Das Fazit der Teilnehmer reicht von „innovativ“ über „mal was anderes“ bis hin zu „wird definitiv ausprobiert!“. Als Initiatoren der Community stellen wir fest, das Liberating Structures und agile Prinzipien hervorragend zusammenpassen. Wir wünschen viel Spaß bei der Interaktion und „befreiende“ Entscheidungsprozesse!

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