EZB-Geldpolitik kann in Krisenzeiten die ärmsten Haushalte der am stärksten betroffenen Länder stabilisieren

Erstmals zeigen Modellberechnungen des DIW Berlin, wie die Geldpolitik der EZB die Wirkung ökonomischer Krisen für einzelne Haushalte ändert – Relativ zu einem Szenario mit nationaler Geldpolitik gleichen sich für die Mittelschicht Gewinne und Verluste aus – An den Rändern der Vermögensverteilung macht die gemeinsame Geldpolitik einen großen Unterschied

Die meisten Haushalte im Euroraum profitieren im Fall einer Krise von der gemeinsamen Geldpolitik oder haben zumindest keine Nachteile durch sie. Letzteres gilt vor allem für die Mittelschicht. An den Rändern der Vermögensverteilung gibt es jedoch immer wieder Gruppen, die durch die gemeinsame Geldpolitik Verluste erleiden. Ob der reichere oder der ärmere Rand, hängt von der Art des Schocks und dem Land ab, wo die Krise eintritt. Dies sind die Ergebnisse einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), für die die DIW-Makroökonomen Alexander Kriwoluzky und Fabian Seyrich zusammen mit Christian Bayer von der Universität Bonn und Gernot Müller von der Universität in Tübingen erstmals untersucht haben, wie sich die gemeinsame Geldpolitik auf Haushaltsebene in unterschiedlichen Ländern des Euroraums im Krisenfall auswirkt – und wie sich die Krise auswirken würde, wenn es nur eine nationale Geldpolitik gäbe.

„In der Diskussion über die ökonomischen Kosten beziehungsweise den Nutzen einer Währungsunion wurde bis jetzt ausschließlich die Länderperspektive eingenommen und dabei die Heterogenität der Haushalte innerhalb der Länder ignoriert“, erläutert Alexander Kriwoluzky, Leiter der Abteilung Makroökonomie im DIW Berlin, den besonderen Ansatz der Berechnungen. Anhand von zwei exemplarischen Ländern, das eine von einer Krise sehr stark und das andere sehr wenig betroffen, haben die Wissenschaftler berechnet, wie sich ein ökonomischer Schock innerhalb der Länder in den verschiedenen Vermögensgruppen auswirken würde – mit und ohne gemeinsame Währung und Geldpolitik.

Berechnungen am Beispiel der Energiepreiskrise in Deutschland und Spanien

Ohne Währungsunion hätte im Fall des Energiepreisschocks, der beispielsweise Deutschland sehr viel stärker getroffen hat als Spanien, die Bundesbank viel entschiedener die Zinsen erhöhen müssen, als die Europäische Zentralbank es getan hat. Dagegen hätte die spanische Nationalbank vermutlich nicht so stark an der Zinsschraube gedreht. Für die Mittelschicht, zeigen die Berechnungen, hätte diese abweichende Geldpolitik keinen Unterschied gemacht. Die ärmeren Haushalte in Deutschland profitieren hingegen von der EZB-Politik im Vergleich zu einer strafferen Geldpolitik, weil höhere Zinsen Haushalte mit geringem Vermögen und mehr Schulden stärker belasten würden.

„In Summe ist es immer nur eine Randgruppe, die verliert. Die Gruppe am anderen Rand profitiert von der gemeinsamen Geldpolitik, und für die Mittelschicht gleicht es sich aus.“ Fabian Seyrich

Auf der anderen Seite hätten reichere Haushalte bei einem stärkeren Leitzinsanstieg auch mehr Zinsen auf ihr Vermögen erhalten. „Für Haushalte mit geringen Vermögen in Deutschland ist es also vorteilig, wenn die EZB die Zinsen nicht so stark erhöht, wie eine eigenständige Geldpolitik das tun würde“, erklärt Studienautor Seyrich. „In Spanien hat man genau den umgekehrten Fall. Dort sind die Zinsen jetzt höher, als sie unter einer eigenständigen Geldpolitik wären. Davon profitieren in Spanien die reicheren Haushalte im Vergleich zu den ärmeren Haushalten.“

Die gemeinsame Geldpolitik verteilt also auch in ähnlich vermögenden Haushalten zwischen den Ländern um. „Letztlich gewinnen die ärmeren Haushalte in Deutschland das, was die ärmeren Haushalte in Spanien verlieren“, fasst Seyrich zusammen. „In Summe ist es immer nur eine Randgruppe, die verliert; die Gruppe am anderen Rand profitiert von der gemeinsamen Geldpolitik, und für die Mittelschicht gleicht es sich aus.“ Und Kriwoluzky ergänzt: „Dies macht letztendlich die Währungsunion so stabil, auch wenn es an den Rändern immer wieder sehr populistische Anti-Euro-Kampagnen geben kann“.

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