Die Fachtagung richtete sich an niedergelassene Ärzte, Krankenhausärzte, Reha-Träger, interressierte Kolleginnen und Kollegen und zielt darauf ab, die existierenden Unsicherheiten beim Thema zu diskutieren und Lösungsansätze vorzustellen. Es will weiterhin dazu beitragen, verschiedene Fachgebiete zu einem relevanten sozialmedizinischen Krankheitsbild zusammenzuführen und die Versorgung zu verbessern. So gibt es insbesondere bei nicht persönlicher Leistungserbringung (Videosprechstunde/ Telefonsprechstunde, damit verbundene Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, Rentenbegehren von Rehabilitanden) viele offene sozialmedizinische und juristische Fragen. Neue Versorgungstrukturen erfordern dabei interdisziplinäre und multisektorale Ansätze über alle Versorgungsstrukturen hinweg. Man bot ein umfassendes Vortragsprogramm mit renommierten Experten aus verschiedenen Fachbereichen sowie im Anschluss einen Stammtisch Sozialmedizin, wo individuelle Fragen/Fallvorstellungen diskutiert werden konnten:
Themen:
Evaluierung einer IFC-orientierten beruflichen Leistungsfähigkeit
- … bei komplexem Handicap
Chefarzt Dr. Hans Ziegenthaler, Gräfliche Kliniken Moritz Klinik Bad Klosterlausnitz
- … in der Orthopädie
Chefarzt Prof. Dr. Ewald Hof, Klinikzentrum Bad Sulza
- … in der Psychosomatik
Dr. Richard Serfling, MVZ Gesundheitszentrum Weimar
- … in der Pulmologie
Prof. Dr. Egbert Seidel, wissenschaftlicher Berater Klinikzentrum Bad Sulza
- … in der Physikalischen und Rehabilitativen Medizin
Chefarzt Dr. Norman Best, Sophien- und Hufelandklinikum Weimar
- Diskussion & MET
Prof. Dr. Egbert Seidel, wissenschaftlicher Berater Klinikzentrum Bad Sulza
- Stammtisch „Sozialmedizin“
Ärztliche Einzelfallberatungen zur Thematik berufliche Leistungsfähigkeit
Chefärztin Dr. Dörte Meierhof, SRH Wald-Klinikum Gera
Der rote Faden war, dass hierbei stets die Erstellung eines Leitsungsbildes maßgeblich ist, nicht die Beurteilung einer Leistungsfähigkeit. Es wurden fünf ärztliche Fortbildungspunkte von der Landesärztekammer Thüringen vergeben. Über 35 Teilnehmende aus der vertragsärztlichen Versorgung, aus Akutkliniken, Rehabilitationseinrichtungen sowie vonseiten der Kostenträger diskutierten fachübergreifend methodische, klinische und gutachterliche Herausforderungen, die im ärztlichen Alltag eine essenzielle Rolle einnehmen. Aus dem Tagungsbericht von Prof. Dr. Seidel:
„Die Eröffnung und Hinführung zum Thema übernahm Klinik-Geschäftsführer Mark Förste. Seine Kernthesen nach einer freundlichen Begrüßung der Teilnehmenden in Kongresszentrum Bad Sulza betonten die Notwendigkeit, die berufliche Leistungsbeurteilung von einem rein defizitorientierten Ansatz hin zu einer ressourcenorientierten, partizipationsfokussierten Betrachtung gemäß dem ICF-Modell zu transformieren. Die strukturellen Voraussetzungen der sektorenübergreifenden Zusammenarbeit in der Region bilden hierfür ein wichtiges Fundament.
CA Dr. Hans Ziegenthaler referierte über die Evaluierung bei komplexem Handicap, unter anderem bei Polytrauma und multiplen Verbrennungen.
Die Erfassung der Leistungsfähigkeit bei Patientinnen und Patienten mit komplexen, meist mehrdimensionalen Behinderungen verschiedener Organsysteme erfordert eine differenzierte Verknüpfung von Schädigungsebene (Körperfunktionen/-strukturen) und den tatsächlichen Einschränkungen der Aktivität und Teilhabe. Vorgestellt wurden standardisierte Assessment-Verfahren, die eine objektivere sozialmedizinische Prognose bei diesen vielschichtigen Krankheitsbildern erlauben.
Die spezifische ICF-Anwendung in der Orthopädie stellte Prof. Dr. Ewald Hof vor.
Im Fokus seines Vortrages standen muskuloskeletale Erkrankungen und deren Auswirkung auf das erwerbsbiografische Fähigkeitsprofil bei Versicherten der Deutschen Rentenversicherung. Es wurde aufgezeigt, wie funktionelle Einschränkungen durch gezielte Kontextfaktoren (z. B. ergonomische Arbeitsplatzanpassungen – sogenannte Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben) kompensiert werden können, um eine nachhaltige berufliche Reintegration (medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation/MBOR) zu sichern.
Zur Beurteilung der ICF-Orientierten beruflichen Leistungsfähigkeit in der Psychosomatik sprach Dr. Richard Serfling zu den Teilnehmenden.
Dabei stellt die Objektivierung psychischer und verhaltensbezogener Barrieren im Arbeitsleben eine besondere Herausforderung dar. Der Beitrag verdeutlichte, dass die ICF-Klassifikation als gemeinsame Sprache zwischen Klinik, Kuration und Begutachtung dient, um die Interaktion zwischen psychischer Morbidität und den spezifischen Anforderungen des Arbeitsplatzes präzise abzubilden. Er stellte das Modell der verhaltensmedizinisch orientierten Rehabilitation (VOR) in den Mittelpunkt seines Referates. Die VOR ist ein spezielles, interdisziplinäres Behandlungsmodell für Patientinnen und Patienten mit körperlichen (meist chronischen) Erkrankungen – vor allem im orthopädischen Bereich –, die zusätzlich unter starken psychischen und sozialen Kontextfaktoren leiden.
Dabei soll das VOR-Modell den Teufelskreis aus anhaltenden Schmerzen, körperlicher Anspannung, Frustration und Schädigung der seelischen Gesundheit aufbrechen. Es verbindet klassische medizinische und physiotherapeutische Reha-Maßnahmen mit verhaltenstherapeutischen und psychologischen Strategien. Anders als bei einer reinen Psychosomatischen Rehamaßnahme bleibt der Schwerpunkt jedoch auf der körperlichen und beruflichen Wiederherstellung bestehen.
Diese Verbindung wurde auch im Referat von Prof. Dr. Egbert Seidel zur Beurteilung der ICF-Orientierten beruflichen Leistungsfähigkeit bei pulmologischen Erkrankungen deutlich. Am Beispiel chronisch-obstruktiver und restriktiver Lungenerkrankungen wurde demonstriert, wie kardiopulmonale Belastungsparameter (Goldstandard Spiroergometrie) direkt in das ICF-Kategoriensystem übersetzt werden können (MET). Dies ermöglicht eine valide Aussage über die Belastbarkeit im konkreten beruflichen und privaten Umfeld unter Berücksichtigung von belastendenden Umweltfaktoren wie Schadstoff- oder Klimabelastungen. Es wurde anhand von Beispielen (anorganische Stäube, exogen-allergische Alveolitis, obstruktive Atemwegserkrankungen) auch berufsbedingte Erkrankungen der Lunge und deren Auswirkungen auf die berufliche Leistungsfähigkeit vorgestellt.
PD Dr. Norman Best sprach über die interdisziplinäre Rolle der Physikalischen und Rehabilitativen Medizin bei Beurteilung der ICF-orientierten beruflichen Leistungsfähigkeit und deren praktikablen Umsetzung im beruflichen Alltag, ob Akutkrankenhaus, Ambulanz oder Rehaklinik.
Als Querschnittsfach kommt der PRM eine Schlüsselrolle bei der ICF-Implementierung in Deutschland zu. Der Vortrag fokussierte auf die Verknüpfung von multimodalen Therapiekonzepten mit kontinuierlicher Fähigkeitsdiagnostik, um den Übergang von der medizinischen Rehabilitation zur beruflichen Teilhabe lückenlos zu gestalten. Dabei muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass eine ICD basierte Bewertung der beruflichen Leistungsfähigkeit weder wissenschaftlich noch versicherungsrechtlich die Kriterien für eine gutachterliche Bewertung der beruflichen Leistungsfähigkeit erfüllt.
In der Diskussion wurden die methodischen Diskrepanzen zwischen den Anforderungen der verschiedenen Versicherungsträger (Gesetzliche Rentenversicherung vs. Gesetzliche Krankenversicherung / Agentur für Arbeit, Unfallkassen-Berufsgenossenschaften) erörtert. Konsens bestand darin, dass eine flächendeckende Implementierung ICF-basierter Instrumente eine intensivere Schulung der gesamten Ärzteschaft im Bereich der sozialmedizinischen Begutachtung voraussetzt.
Den praxisnahen Abschluss der Tagung bildete das Forum „Sozialmedizinischer Stammtisch“ unter der Leitung von Dr. Dörte Meierhof. Im Rahmen kollegialer Fallberatungen wurden konkrete ärztliche Einzelfälle aus der Praxis analysiert. Hierbei zeigte sich der hohe therapeutische und rechtliche Nutzen einer systematischen ICF-Codierung, um Widersprüche in der Leistungsbeurteilung zu minimieren und passgenaue Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben (LTA) zu initiieren.
Die Herbsttagung in Bad Sulza verdeutlichte, dass die ICF-orientierte Evaluierung der beruflichen Leistungsfähigkeit kein theoretisches Konstrukt bleiben darf, sondern zunehmend das Bindeglied einer modernen, sektorenübergreifenden Sozialmedizin darstellt. Die Interdisziplinarität der Beiträge unterstrich den systemischen Charakter des ICF-Modells, dessen konsequente Anwendung die Qualität und Transparenz sozialmedizinischer Gutachten nachhaltig steigert.“
Derartige Fachtagungen etablieren sich in der multidisziplinären Rehabilitationsklinik mit Schwerpunkten in den Bereichen Orthopädie und Pneumologie als stetiges Fort- und Weiterbildungsangebot. Die nächste ist bereits für den 3. März 2027 angekündigt, die medizinisch-beruflich orientierte und verhaltensmedizinisch orientierte Rehabilitation (MBOR / VOR) betreffend. „Das fundierte Praxiswissen regionaler und überregionaler Experten legt eine ideale Diskussionsgrundlage und ermöglicht den Erfahrungsaustausch aller Beteiligten, um dem Patienten bestmögliche Behandlung zukommen zu lassen“, erläutert Klinik-Geschäftsführer Mark Förste.
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